Kapitel 10: Der doppelte Triumph im Atlantik (1866)

Vom Rauchzeichen zur Glasfaser

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Ein neuer Anlauf

Der Rückschlag von 1865 hatte Cyrus Field und seine Mitstreiter nicht entmutigt. Im Gegenteil: Die Expedition hatte bewiesen, dass die Great Eastern den Bedingungen des Atlantiks gewachsen war und das Kabel selbst physikalisch einwandfrei funktionierte. Es fehlten lediglich mechanische Verbesserungen an Deck.

Für den Sommer 1866 gründete Field eine neue Gesellschaft, die Anglo-American Telegraph Company, beschaffte frisches Kapital und ließ ein weiter verbessertes Kabel fertigen. Gleichzeitig wurden die Brems- und Einholwinden auf der Great Eastern umgebaut: leistungsstärkere, dampfbetriebene Maschinen am Bug und Heck sollten jede abrupte Zugspannung automatisch abfedern. Das Ziel dieser Expedition ging als „der doppelte Triumph“ in die Geschichte ein – ein neues Kabel verlegen und gleichzeitig das verlorene Kabel von 1865 bergen.

Ein Rückschlag genügte nicht, um das Ziel aufzugeben.

Das neue Kabel

Am 13. Juli 1866 lief die Great Eastern erneut von der irischen Küste aus. Diesmal verlief die Verlegung ohne einen einzigen Kabelbruch. Dank der verbesserten Maschinen und einer erfahrenen Besatzung erreichte das Schiff nach zwei Wochen, am 27. Juli 1866, sicher Heart’s Content auf Neufundland. Das neue transatlantische Kabel war verlegt und sofort betriebsbereit.

An den Empfangsstationen kam nun William Thomsons Spiegelgalvanometer zum Einsatz. Statt der hohen Spannungen früherer Versuche reichten minimale Ströme aus, um klare Signale zu übertragen. Die Übertragungsgeschwindigkeit betrug von Beginn an acht bis zehn Wörter pro Minute – für die damalige Zeit ein bemerkenswerter Wert. Europa und Amerika waren nun dauerhaft im Minutentakt verbunden.

Die Bergung des verlorenen Kabels

Die Mission der Great Eastern war damit noch nicht beendet. Wenige Tage nach dem Erfolg kehrte das Schiff zurück auf den offenen Atlantik, an die Stelle, an der ein Jahr zuvor das Kabel von 1865 gerissen und in 3.600 Metern Tiefe versunken war. Viele Fachleute hatten eine Bergung aus dieser Tiefe für kaum machbar gehalten.

Wochenlang kreuzte das Schiff bei Nebel und schwerer See über der vermuteten Stelle. Immer wieder wurden schwere Schleppanker an meilenlangen, stahlarmierten Hanfseilen zum Meeresgrund hinabgelassen, um den nur wenige Zentimeter dicken Draht in völliger Dunkelheit aufzuspüren.

Dreimal gelang es, das Kabel zu haken und ein Stück anzuheben – dreimal rutschte es wieder ab oder die Seile rissen. Am 2. September 1866 gelang beim vierten Versuch schließlich der Durchbruch: Nach Stunden zog die Dampfwinde am Bug das Kabelende zentimeterweise nach oben, bis es die Wasseroberfläche durchbrach.

Zwei Kabel verändern die Welt

Die Elektriker an Bord schlossen das geborgene Ende an ihre Messgeräte an. Der Ausschlag am Spiegelgalvanometer zeigte: Das Kabel von 1865 war über die gesamte Strecke nach Irland noch intakt. Die Gutta-Percha-Isolierung hatte dem Druck und der Kälte der Tiefsee ein ganzes Jahr lang standgehalten.

Das geborgene Ende wurde mit dem restlichen Kabel an Bord der Great Eastern verspleißt. Das Schiff verlegte das verbliebene Stück bis nach Neufundland, und am 8. September 1866 ging auch diese zweite transatlantische Leitung offiziell in Betrieb.

Mit diesem doppelten Erfolg existierten ab September 1866 zwei unabhängige, leistungsfähige Unterseeleitungen im Atlantik. Der globale Informationsaustausch trat damit endgültig in ein neues Zeitalter ein.